Der Blog von Blumen & Biester

Dienstag, 25. Juni 2013

(R)evolution


Es gibt keine Neutralität. Wer keine Meinung hat oder keine äußert, bestätigt die an der Macht. Es ist Teil unserer Weiterentwicklung als Menschen, politisch interessiert und wachsam zu sein. Hier und weltweit.
Es ist Zeit. Unser eigener kleiner, zwar recht voller Teller ist trotzdem endlich und wir sollten uns die Zeit nehmen, einmal über seinen Rand hinweg zu gucken, denn die Geschehnisse um uns herum betreffen auch uns.
Es passiert etwas. Überall auf der Welt. Demokratie in Bewegung. Mancherorts geht es aufwärts mit ihr, mancherorts bergab. Es sind nur Beispiele: In der Türkei versuchen die Menschen ihr Recht auf Mitbestimmung einzufordern. So viele, die auf den Straßen weitgehend friedlich demonstrieren. Viele Bilder im Netz, z.B. bei facebook liefern Eindrücke. Lebendige Demokratie, die nach Beachtung schreit. Schau hin Erdogan! Das ist ein großer Teil DEINES Volkes. Sie sprechen zu Dir. Du bist von ihnen angestellt, ihr Land zu führen. In ihrem Sinne. Du bist ein Vertreter des Volkes und kein Alleinherrscher.
Ich hoffe, es wird nicht noch mehr Verletzte, Schwerverletzte oder gar Tote geben. Die Türkei erscheint so nah durch die vielen Menschen türkischer Abstammung um uns herum. Und dort stehen sie auf den Straßen - Männer, Frauen und auch Kinder - mit Blumen in den Händen und ihre eigene Polizei schießt mit Tränengas und Gummigeschossen auf sie. Verstörend. Beängstigend. Und doch können die Demonstranten jetzt kaum zurück - die Ohnmacht, die daraus resultieren würde, wäre schwer zu ertragen. Sie kämpfen für eine bessere Türkei, für ihr Land, für ihre Familien. Sie scheinen mir keine überzogenen Forderungen zu haben. Wieso ist es so schwer, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und ernsthaft über die Möglichkeiten zu sprechen? Ein wahrhaft großer Mensch kann doch dabei nicht sein Gesicht verlieren, Herr Erdogan. Im Gegenteil. Er könnte sogar wachsen im Ansehen seiner Mitbürger. Aber in der Türkei heißt es zur Zeit nur: Wer hat den längeren Atem? Welche ist die nächste Stufe der Eskalation? Je länger Erdogan damit wartet, auf die Demonstranten zuzugehen, desto unwahrscheinlicher werden friedliche Kompromisse. Und es gibt doch keinen anderen Weg. Eine solch große Bewegung läßt sich innerhalb einer Demokratie nicht einfach ersticken. Dazu müßte Erdogan sich schon komplett vom demokratischen Gedankengut verabschieden und schließlich in die Fußstapfen seines von ihm so kritisierten Kollegen Assad treten. Ich hoffe doch sehr, daß diese schreckliche Vision so weit von der Wirklichkeit entfernt liegt, daß sie niemals eintreten wird.
Liebe türkische Bürger, die Ihr Tag für Tag wieder auf die Straßen geht, um Veränderungen herbeizuführen - die Gedanken vieler hier sind bei Euch. Vielleicht hilft Euch die Solidarität ein wenig. Und jeder von uns hier kann z.B. über Twitter ein wenig dazu beitragen, daß die Stimmen vom Taksim-Platz verbreitet werden und so noch unmittelbarer echte Nachrichten eine breite Öffentlichkeit finden. Twitter richtig genutzt ist ein wunderbares Werkzeug.

Vielleicht schaffen es die Menschen in Brasilien hingegen ohne Gewalt und gemeinsam mit ihrer Regierung, Veränderungen herbei zu führen. Ihre Präsidentin hat noch alle Karten in der Hand. Auch die FIFA sollte mithelfen, wo sie kann, und z.B. darauf verzichten, Schulen abzureißen, nur weil sie zu dicht an Fußballstadien stehen oder wenigstens für einen Ersatz dieser wichtigen Einrichtungen sorgen. Wir wollen doch alle unbeschwert Spaß an der WM nächstes Jahr haben - die Brasilianer gemeinsam mit der ganzen Welt - und nicht Großdemonstrationen von zu recht empörten Menschen sehen, die uns klarmachen, daß die Prioritäten grotesk verschoben wurden zugunsten eines Spiels und gegen die Menschen vor Ort.

In den USA werden zur Zeit Persönlichkeitsrechte mit Füßen getreten. Jeder von uns hat genug Spionagefilme gesehen, um nicht vollkommen unvorbereitet von Edward Snowdens Enthüllungen getroffen zu werden. Auch aus eigener Erfahrung weiß ich, daß man sich hierzulande schon seit langem vor Industriespionage vor allem aus Amerika zu schützen versucht. Die USA, genau wie die von ihnen dafür so zurechtgewiesenen Chinesen, die Briten und wahrscheinlich noch sehr viele andere Nationen dieser Welt, sowie vermutlich auch unsere eigene, spionieren sich gegenseitig aus. Und sie gehorchen keinen offiziellen Regeln dabei. Ich denke, das weiß jede Regierung, das vermuten viele Bürger - blöd ist nur, wenn es rauskommt - wenn die Öffentlichkeit nicht mehr wegschauen kann, wenn die Politik gezwungen ist, sich zu rechtfertigen. Solange alles unter dem Deckmantel der Geheimhaltung läuft und alle Oberen voneinander wissen, daß sie diese Themen besser nicht ansprechen, da sie ja selber Dreck am Stecken haben, läuft das System unbehindert weiter. Und wächst. Und nimmt nach und nach aberwitzige Ausmaße an. Orwells 1984 hat mich schon als Kind tief beeindruckt und - gut, es hat sich ein bißchen verzögert - aber nun leben wir schon fast mittendrin.

Doch hin und wieder gibt es glücklicherweise Menschen mit Gewissen unter denen, die für diese Systeme arbeiten, Menschen, die noch Werte und Ideale haben. Menschen wie Bradley Manning oder Edward Snowden. Und es gibt Journalisten wie Glenn Greenwald oder Julian Assange und Zeitungen wie The Guardian oder Organisationen wie Wikileaks, die sich trauen, über solch heikle Themen zu berichten.
Wir brauchen investigativen Journalismus. Wir brauchen Whistleblower. Sie sind unsere einzige Möglichkeit, Informationen über das zu erlangen, was hinter den Kulissen abläuft, unser einziger Weg, die Schattenpolitik noch ein Stück weit zu kontrollieren. Und genau deswegen werden die Snowdens und Mannings so gnadenlos verfolgt. Es paßt der Politik nicht, wenn wir bescheid wissen. Warum? Weil wir mißbilligen würden, was wir erfahren. Weil es sie ihre Macht kosten könnte, solange Wahlen noch Realität sind.

Wenn es wirklich gute Gründe für die Handlungen der Politik im Hintergrund gibt - und das will ich gar nicht in jedem Fall anzweifeln - dann möchten wir sie nun hören. Am besten gleich mit Beweisen dazu. Pure Worte haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, dafür sind wir viel zu oft verschaukelt worden. Ich denke, wir wissen nur einen winzigen Bruchteil von dem, was Politik hinter den Kulissen wirklich bedeutet, wer sich mit wem abspricht, welche Deals ausgehandelt werden. Es muß ein schmutziges Geschäft sein, wenn man so dringlich versucht, es vor uns zu verstecken.

Doch noch sind Journalisten in demokratisch geführten Ländern glücklicherweise und zurecht gerade wegen ihrer Kontrollfunktion weitgehend geschützt - an Assanges Beispiel sieht man jedoch, wie man diesen Schutz auch umgehen kann und auch Greenwald wird zunehmend angefeindet - aber dieser Schutz dehnt sich nicht auf die Whistleblower aus. Das so freie Amerika führt zur Zeit einen in seiner eigenen Geschichte beispiellosen Krieg gegen "Internal Threats". Da werden Abteilungsleiter bis hinunter ins Landwirtschaftsministerium u.ä. wenig militärischen Einrichtungen dazu angehalten, ihre Untergebenen, ihre Mitarbeiter auszuspähen, besonders auf solche zu achten, die außergewöhnlichem Stress, wie finanziellen Schwierigkeiten oder Scheidung, ausgesetzt sind, da sie leichter zu Sicherheitsrisiken werden könnten. Na? Manche mögen sich da an alte Zeiten erinnert fühlen oder Lidlmitarbeiter an ihre Chefs. Klasse. Gerade der so "europäisch" wirkende Obama scheint hier gnadenlos - für alle, die des Englischen mächtig sind, hier ein sehr guter Aufsatz zu dem Thema: http://www.mcclatchydc.com/2013/06/20/194513/obamas-crackdown-views-leaks-as.html#.UcmfUjtZYVQ.

Bradley Manning, der mutmaßliche Whistleblower, der wahrscheinlich unter anderem die Aufnahmen, die als "Collateral Murder" bekannt wurden an Wikileaks weiterleitete, saß drei Jahre unter fragwürdigsten Bedingungen in "Untersuchungshaft", um jetzt zu erleben, wie an ihm ein Exempel statuiert werden soll, damit kein zukünftiger potentieller Whistleblower jemals vergißt, was ihm droht.
Die Jagd auf Snowden hat ebenfalls begonnen und die USA legen ihr ganzes politisches Gewicht hinein. Ich bin sonst kein großer Freund der politischen Systeme in Rußland oder China, aber ich kann nicht umhin, eine gewisse diebische Freude zu empfinden, wenn diese Länder Snowden so "unschuldig" in die Freiheit durchrutschen lassen (wie ich hoffe). Man kann sich vorstellen, wie es Wladimir Putin und Xi Jinping diese Tage versüßt. Das gönne ich ihnen aber schon wieder nicht mehr. Ihre Läden laufen auch alles andere als rund, was die Menschenrechte angeht und die "Demokratie" löst sich gerade in Rußland bedauerlicherweise immer weiter auf.

Auch das ganze Vorgehen gegen Julian Assange und Wikileaks ist so durchsichtig unrechtmäßig, daß es einen sprachlos zurückläßt. Jeder, der sich die Mühe macht, sich mit den von verschiedenen Seiten beleuchteten Fakten im Internet vertraut zu machen, wird zumindest in große Zweifel geraten, was das Vorgehen Schwedens und Groß Britanniens in diesem Zusammenhang angeht. Wer einen Twitteraccount hat, findet leicht interessante (und natürlich auch viele uninteressante, da gilt es zu sieben) Quellen, wenn er die entsprechenden Hashtags eingibt.
Meine Meinung? Ehrlich? Es ist eine Farce. Mittlerweile ist klar, daß Amerika eine Grand Jury eingerichtet hat, um mit Wikileaks ins Gericht zu gehen. Sie wollen diese Organisation vernichten. Finanziell haben sie da schon viel "geleistet", indem Spenden, die über amerikanische Unternehmen abgewickelt werden sollten, eingefroren wurden und so Wikileaks Geldquelle fast versiegte (es gibt aber immernoch Möglichkeiten zu spenden - erst kürzlich hat ein Gerichtsurteil in Island dafür gesorgt, daß die dortige Tochterfirma von Visa nun doch Spenden weiterleiten muß, hier finden sich aktuelle Informationen http://shop.wikileaks.org/donate).
Und die USA wollen Assange. Unbedingt. Er muß vor aller Welt bestraft werden. Ecuador ist ein mutiges Land, denn es hat sich einen großen Feind geschaffen, als es Julian Assange Asyl gewährte und es wird die Sachlage nicht verbessern, wenn nun auch noch Snowden Unterschlupf gewährt wird. Sicher ist Ecuadors Haltung auch wieder irgendwo politisch motiviert und nicht nur menschenfreundlich. Alle südamerikanischen Staaten haben sich gemeinsam mit Ecuador gegen die Vorherrschaft der USA aufgelehnt, indem sie sich hinter Ecuador stellten und damit einen Schritt aus dem Schatten des großen Bruders getan (Orwell läßt grüßen (-:). Aber was auch immer Ecuadors Politiker antreibt - ich hoffe, sie bleiben standhaft und gewähren auch Snowden Asyl. Ich hoffe Snowden wird seinen Weg leichter als Assange finden (der nun mittlerweile seit einem Jahr in der Ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt, ohne zwischendurch Zugang zu freiem Himmel über seinem Kopf zu bekommen) und irgendwann wieder ein sicheres und schönes Leben führen können, wie er es auf Hawai hatte - vielleicht ein besseres, hinter dem er gänzlich stehen kann. Ziemlich sicher ist wohl, daß er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann - sollte nicht noch irgendein Wunder geschehen. Er hat viel aufgegeben für uns.

Und darum ist es jetzt Zeit aufmerksam zu sein, zuzuhören, nachzudenken, Zeit für zivilen Ungehorsam, Zeit Laut zu geben, sich einzubringen, Zeit sich mit anderen denkenden Menschen zu verbinden und aus der Vielfalt der Meinungen und Ideen gemeinsam etwas Gutes zu schaffen. Die Politik bewegt sich nur, wenn wir als Volk es wollen UND wenn wir unseren Wünschen in Worten und Taten Ausdruck verleihen. Worte sind mächtig und noch ist das Internet relativ frei und unzensiert. Wir brauchen viele wache Köpfe, die Propaganda von Information zu unterscheiden bereit sind und etwas Einsatz - das geht schon im Internet, auf der Straße, beim Kaffeetrinken mit Freunden, am Stammtisch. In einer Demokratie regiert eigentlich das Volk. Viele von uns gehen aber leider einfach nur wählen. Oder auch nicht, falls es regnet. Und dann ist es für eine ganze Menge von uns auch gut und sie gehen wieder shoppen oder vor den Fernseher. NEIN! Lest, was geschrieben wird, holt Euch möglichst Informationen aus erster Hand, wenn Euch etwas interessiert, verschafft Euch Wissen und bildet Euch eine Meinung. Redet mit. Sonst verkommen unsere Demokratien bald zu heimlichen Diktaturen.

Auch die Gorgies machen mit. Jede Stimme zählt.