Der Blog von Blumen & Biester

Montag, 23. September 2013

Tutorial: Rock to go

Viel einfacher zu nähen kann ein doppellagiger Rock nicht sein :-)
Heute habe ich gemeinsam mit meiner Kleinsten einen Katalog voller französischer Kindermode durchstöbert. Meine jüngste Tochter ist das, was man sich so landläufig unter einem "richtigen Mädchen" vorstellt - sie liebt Kleider und Röckchen, zarte Spitze und glänzende Schuhe, rosa-bunte Farbzusammenstellungen und Rüschen. Natürlicher Charme ist ihr angeboren, sie klimpert mit den Wimpern, posiert und dreht sich wie eine Ballerina, wickelt sämtliche Verwandtschaft hemmungslos um den Finger und ist alles in allem unwiderstehlich zuckersüß, sogar wenn sie die kleine Hexe in sich entdeckt und z.B. ihrem großen Bruder den Lieblingssessel wegschnappt.
So ist es auch nicht ganz einfach, mit dieser Person einen Katalog voller ganz entzückender Kinderkleidung anzusehen: Während jede Seite bei ihr neue hinreißende Begeisterungsstürme auslöst, gleiten die Euros vor meinem geistigen Auge einer nach dem anderen lautlos aber stetig aus dem Fenster, was zu einem unangenehmen Konflikt im mütterlichen Inneren führt. Auf mein daraus resultierendes: "Fine - ich finde die Sachen ja auch schön, aber das kannst Du nicht alles haben, das ist viel zu teuer!" kam dann spontan und ganz trocken die Lösung: "Und wieso nicht? Du kannst doch nähen, Mami!" Voller Zufriedenheit über ihre geniale Idee saß sie da vor mir: strahlende Kinderaugen, stolz spitzbübisches Lächeln, herausfordernd angehobenes Kinn, kleine warme Hände, die meine halten. Ja, ich hatte verloren. Damit war das Problem für sie gelöst und ich saß da mit Auftrag. Einem Berg von Aufträgen.
Naja, mit einiger Kindererfahrung im Rücken weiß ich ja auch, daß nicht alle Wünsche erfüllt werden müssen, um ein glückliches Kind zu erzeugen und so habe ich dann beschlossen, einfach sofort mit einer bunten Kleinigkeit anzufangen.
Die Röcke in dem Katalog hatten es ihr besonders angetan - mehrlagig und üppig mit weichem Bündchen um den empfindlichen Bauch - eigentlich nicht sehr komplex, aber wirkungsvoll. Schnell gemacht. Also ging es ab ins Nähzimmer, das Maßband und die Tochter geschnappt, ein paar Stoffreste zusammengesucht, gemessen, geschnitten, ein bißchen gerüscht und zusammennäht - fertig. Wenn die Maße bekannt sind und ein erster Proberock genäht, dauert das kaum eine Stunde pro Röckchen und es gibt sicher noch schnellere Näherinnen als mich. Ein bißchen ausführlicher? O.k.!

Für dieses Röckchen habe ich zwei verschiedene Baumwollreste und etwas Bündchenstoff verwendet.
Also welche Maße brauche ich? Das kommt natürlich auf mein Kind an - in zweierlei Hinsicht. Meine Kleine mag es lieber, wenn die Röcke locker auf der Hüfte sitzen. In der Taille stören sie sie. Also messe ich bei ihr den Umfang im Bereich der sogenannten Hüftknochen, also oberhalb des Pos, damit dieser das Ganze noch am Abrutschen hindern kann. Der Bauch sollte entspannt sein bei der Messung, denn glücklicherweise ziehen Kinder selbigen noch nicht ständig ein, sondern lassen ihn sein, wie er eben ist und dafür muß Platz bleiben. Also müßt Ihr zuerst entscheiden, wo der Rock sitzen soll. Dann müßt Ihr dort den Umfang messen. Bei meiner recht zierlichen Fünfjährigen waren das 55cm.
Das zweite wichtige Maß ist die Länge. Ich wollte, daß der Rock oberhalb des Knies endet. Also habe ich von der gedachten Oberkante des Rocks bis knapp über das Knie gemessen. Bei meiner Süßen waren das 35cm.
Jetzt muß ein bißchen gerechnet werden. Noch jemand mit Matheblockade? Keine Sorge - das schaffen wir alle ;-) Die gemessene gewünschte Länge (bei mir 35cm) unterteilt sich in Bündchen und Rockteil, wobei ich mich auf das untere längere Rockteil beziehe. Mein Bündchen hatte eine Endlänge von 7cm , bleiben für den längeren Rockteil 28cm.
 Nun müssen wir beim Bündchen aber beachten, daß es doppelt genommen wird und auf beiden Seiten eine Nahtzugabe braucht - also in meinem Fall 7cm (Länge) x 2 + 2cm NZ = 16cm. Mein Bündchen wird also 16cm lang. Die Breite geht natürlich nach dem gemessenen Umfang. Bei meiner Tochter 55cm an der Hüfte - das übernehme ich aber nicht eins zu eins, denn das Bündchen soll ruhig etwas gedehnt sitzen, damit es den Rock in Position hält. Hier kommt es wieder ein bißchen darauf an, was Euer Kind an Druck auf den Bauch toleriert. Meine zieht alles aus, was auch nur dezent zu kneifen droht. Ich habe das Ausgangsmaß für das Bündchen 50cm breit gewählt und es sitzt noch recht locker, obwohl ja auch hier noch etwa 2cm für die Nahtzugabe verschwinden. Für ein Kind, das den Rock lieber etwas fester am Bauch hat (keine Sorge, bis zum Abschnüren ist es hier noch ein weiter Weg), kann man sicher den gemessenen Umfang um 8 oder 10cm verringern. Mein Bündchenteil hatte aber also die Maße 16 x 50cm.
Zum Rockteil: Er braucht oben eine Nahtzugabe und unten eine für den Saum. Oben wähle ich meine Standartzugabe von 1cm, unten ist es wieder etwas Geschmackssache. Ich mag etwas breitere Säume lieber, also zwischen 3 und 5cm. Ich finde, sie sehen nicht nur edler aus, da man nicht gleich bei jeder leichten Rockschwingung die Stoffrückseite sieht, auch fällt der Rock besser und der Saum klappt nicht so leicht hoch. Zusätzlich mag ich den unteren Abschluß am liebsten, wenn der Stoff doppelt eingeklappt wird, also die offene Stoffkante am Ende versteckt ist. Ich rechne bei dem Saum also für das erste Einklappen 1cm und für das zweite meine Saumbreite - hier 5cm - dazu. Bei einer gewünschten Endlänge von 28cm wäre meine Stoffbahn für den unteren Rockteil also 28cm + 1cm NZ (oben) + 6cm Saum = 35cm lang.
Aber wie breit mache ich das Ganze? Ich habe die doppelte Breite des Bündchens gewählt. Schaut Euch das Bild an und entscheidet selbst, ob Euch das zu viel oder zu wenig Rüsche ist :-) Meine Bahn für den unteren Rockteil war also 100cm breit und 35cm lang.
Der obere Teil des Rockes ist bei diesem Rock 5cm kürzer, die Bahn genauso breit wie die untere. Die Ausgangsmaße waren also 100 x 30cm.
So. Individuelle Maße fertig. Jetzt geht es fix. Schneidet Eure drei Teile zu - ein Bündchenteil, zwei verschieden lange Rockteile. Ich bügele dann als nächstes den Saum der Rockteile um. Zumindest in Zukunft. Das geht nämlich leichter, als erst die Bahn zur Runde zu schließen und dann zu bügeln, wie ich feststellen durfte ;-)

Doppelt umgebügelter Saum - erst ca. 1cm umbügeln, dann die gewünschte und eingerechnete Saumbreite.
 Nach dem doppelten Umbügeln klappe ich den Saum im Randbereich wieder auf und schließe die beiden Rockbahnen zu Runden. Ich habe dazu meine Overlockmaschine benutzt, aber ein Overlock-Stich einer normalen Nähmaschine tut es auch oder ein Geradstich plus Zickzack an der offenen Kante entlang zum Versäubern.

Alle Einzelteile gebügelt und zu Runden geschlossen.
Danach den Saum wieder hochklappen und von rechts mit schlichtem Geradstich in dem doppelt umgeklappten Bereich einmal herumnähen. Nun schließt auch das Bündchen zu einer Runde und klappt es auf die halbe Länge zusammen.

Bündchen umgeklappt auf die Hälfte der Länge und Rockbahnen gesäumt.
 Jetzt rüschen wir die Rockteile. Dazu stellt Ihr bei Eurer Maschine - soweit möglich - den Nähfußdruck herab (dann läßt sich der Stoff etwas leichter auf den Fäden bewegen und der später überflüssige Faden später besser herausziehen) und die Stichlänge so groß wie möglich ein. Bei meiner sind das 6mm. Jedes Rockteil erhält nun zwei Nähte am oberen Rand. Die erste dicht am Rand entlang in der Nahtzugabe, die zweite in einer Nähfüßchenbreite Abstand. Laßt die Anfangsfäden nicht zu kurz stehen, Ihr müßt sie greifen können.
Hier seht Ihr die beiden "Rüschnähte" an den beiden Rockteilen vordem Einrüschen.
 Jetzt nehmt Ihr auf einer Seite Eurer Nähte beide Unterfäden und zieht an ihnen bzw. schiebt den Stoff auf Ihnen zusammen. Ich mache das immer von beiden Seiten, um die doch recht zarten Fäden nicht zu sehr zu belasten, aber es geht auch von einer Seite. Ich knote, wenn ich etwa die Hälfte zusammengerüscht habe, die Unterfäden der ersten Seite zusammen und widme mich dann der zweiten. Ich schiebe den Stoff solange zusammen, bis mein Rockteil in etwa die Bündchenbreite hat. Im Zweifel laßt es lieber ein klein wenig breiter als das Bündchen - ein Extrafältchen läßt sich immer unterbringen (verdammt nochmal - wieso muß ich jetzt an mein Spiegelbild denken?!). Ich verknote auch die Unterfäden der zweiten Seite und verteile dann die Rüschen gleichmäßig. Beim zweiten Rockteil verfahre ich genauso.

Rockteile aufgerüscht.
 Da ich lieber auf der sicheren Seite fahre, nähe ich nun beide Rockteile einmal am oberen Rand mit einem dehnbaren Stich zusammen - der Zickzackstich reicht. Dann kann mir keiner mehr aus der Verbindungsnaht mit dem Bündchen rutschen.

Rockteile mit Zickzackstich verbunden.
 Jetzt kommt das Bündchen an die Reihe. Hier bin ich noch in zwei Schritten vorgegangen, um es anzunähen, ich denke aber, einer tut es auch. Näht beide offenen Kanten des zusammengeklappten Bündchens gleich mit einem dehnbaren Stich (die dehnbaren Stiche sind hier wichtig - sonst nutzt Euch die Dehnbarkeit des Bündchens am Ende gar nichts) an die gerade verbundenen Rockteile. Wer Sorge hat, daß er dabei eine Stoffschicht entgleiten läßt, kann es auch so machen, wie hier gezeigt: Klappt das Bündchen auf und legt es rechts auf rechts um die Rockteile. Verbindet alle drei Schichten mit einem dehnbaren Stich.

Bündchen zunächst mit einer Seite an die Rockteile genäht.
 Klappt dann das Bündchen wieder zusammen und näht auch die zweite offene Kante an die zuvor entstandene Naht. Nun könnt Ihr die Rüschnähte entfernen, die zu sehen sind - meist ist das nur die untere. Schneidet den Unterfaden in größeren Abständen ein und zieht ihn heraus, dann könnt Ihr den jeweiligen Oberfaden quasi abnehmen. Danach könnt Ihr die "allesverbindende Naht" noch nach unten in den Rock klappen und diese - wieder mit einem dehnbaren Stich - von rechts absteppen. Da meine Tochter auch auf abstehende Nähte sehr empfindlich reagiert, ist das bei uns Pflicht, aber ansonsten ist das nicht unbedingt nötig. Für die Optik macht es einen kleinen Unterschied,den Ihr erkennen könnt, wenn Ihr das allererste Foto mit dem allerletzten vergleicht :-)

Fertig!
Sooooo. Noch Fragen? Fragt nur :-) Ich muß jetzt meine Große wieder ins Bett bringen, die schon ein paar Minuten hinter mir steht und fragt, wann ihr Rock fertig wird. Morgen Süße, morgen :-)